Repräsentation transgeschlechtlicher Frauen im Film: Das dänische Mädchen

Wie hat dir der Film generell gefallen?

Der Film hat mich aus meiner Perspektive emotional „abgeholt“, da ich verschiedene dargestellte Situationen persönlich nachvollziehen konnte.

Wie empfindest du die Representation von Lili Elbe mit einem cis-männlichen Schauspieler?

Die Hürde einen solchen Film korrekt, mit einer transgeschlechtlichen Frau zu besetzen ist winzig und dennoch wird diese Hürde in den meisten Filmen und Serien nicht überschritten. Ein Mann der eine transgeschlechtliche Frau spielt, ist auf mehreren Ebenen problematisch. Durch solche Ansätze wird die Vorstellung gefestigt, dass wir „eigentliche Männer“ seien, die Frauen nur spielen, sich „als Frauen fühlen“ würden. Wir sind aber keine „eigentlichen Männer“ und keine „gefühlten Frauen“, sondern wir sind Frauen, Punkt. Ich musste einen großen Teil meines Lebens einen Mann spielen und dies konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen. Eddie Redmayne schminkt sich nach dem Dreh ab und ist Eddie Redmayne, ein cis Mann. Wenn ich mich abschminke bin ich Felicia, wenn ich schlafe, wenn ich esse, wenn ich existiere bin ich Felicia, eine Frau. Da spielt es keine Rolle mit vielen „Menschen aus der Transgender-Community“ Redmayne vor dem Dreh gesprochen hat und sich Wissen aneignete. Die Besetzung ist für mich indiskutabel.

Wie hätte es anders geregelt werden können?

Eine transgeschlechtliche Frau besetzen, meinetwegen, sogar mehrere, die eine Rolle spielen. Ich schreibe hierbei ausdrücklich eine transgeschlechtliche Frau. Eine cis Frau für die Rolle wäre zwar zumindest eine Frau, jedoch erlebte ich in Filmen auch einen solchen Ansatz, allerdings nur, um in einer bestimmten Szene einen „Überraschungseffekt“ einzubauen, einen Zeitpunkt, wenn die Frau, meistens unter Zwang als transgeschlechtlich geoutet wird. Begründungen für dieses Handeln sind transfeindlich und misogyn, da häufig Ausreden formuliert werden, dass Leute die Transgeschlechtlichkeit ja ansonsten „direkt bemerkt hätten“. Wir werden als „Plottwist“ für cisgeschlechtliche Menschen benutzt.

Findest du, dass man genug über das Transsein an sich lernt?
Wurde das Thema im historischen Kontext angemessen dargestellt?

Schwierig, da die Tiefe des Films gering ausfällt. Es wird sich praktisch an bestimmten Highlights in unseren Biographien, die sicherlich viele von uns ähnlich erlebten, entlanggezogen, um sie cis Personen zu servieren. Hier das sinnliche Berühren einer Seidenstrumpfhose, dort das erste mal Schuhe mit Absatz, das Verdecken der eigenen Intimorgane vorm Spiegel, erniedrigende medizinische Behandlungen, pathologisierende Verfahren, Erlebnisse von Beleidigungen und körperlicher Gewalt in der Öffentlichkeit und schlussendlich „Die OP“ und Ende. Da können cis Personen Tränen verdrücken uns sich freuen, dass „das heute alles nicht mehr so ist“, drehen sich rum und für sie ist das „Thema Transgeschlechtlichkeit“ beendet. Zur Historie ist es zweifelsohne wichtig darzustellen welche Diagnostizierung und daraus resultierende Behandlungen trans Personen angetan wurden. Diese Historie schafft aber eben auch Distanz zur eigenen Verantwortlichkeit.

Konntest du dich irgendwie mit der Rolle, so wie sie im Film dargestellt wird, identifizieren? Gibt es einen Zeitpunkt, an dem es zu unrealistisch/verletzend wurde?

Ich konnte mehrere Situationen durchaus aus meiner eigenen Erfahrung nachvollziehen oder wiedererkennen. Tatsächlich körperliche Angriffe haben ich bisher zum Glück nicht erleben müssen, die Angriffe, die ich bisher erlebte waren nicht gezielt transfeindlich, da mein Passing gut ist. Frauenfeindlich waren sie dennoch, beliefen sich aber auf Beleidigungen. Die Darstellung von Lilis Annäherung und ja auch Verhältnis zu Henrik erschien mir zunächst als unrealistisch, da dies ein immenses Risiko für die eigene Sicherheit bedeuten kann, wenn die Transgeschlechtlichkeit bemerkt wird.

Der Film spielt 1925 in (unter anderem) Kopenhagen.
Hätte man es aktueller darstellen können?

Da zeigen sich zwei Aspekte. Zum einen ist es immens wichtig, um zeigen zu können, dass Transgeschlechtlichkeit kein „neues Phänomen“ ist, wir waren und sind immer hier und wir wurden auch immer für unsere Existenzen diskriminiert. Und die Geschichte von Lili ist dabei noch nicht einmal hundert Jahre alt. Es zeigt zusätzlich, dass bereits medizinische Verfahren wie Operationstechniken bestanden haben und möglich waren, auch wenn die Risiken ungleich höher waren als heute. Wir wären hierzu schon viel weiter, wenn das gesammelte Wissen, Berichte und Unterlagen nicht von den Nazis vernichtet worden wäre.Zum anderen bringt die Historie Probleme mit sich, weil sie, wie bereits erwähnt Distanz schafft und Leute glauben könnten, dass trans Personen heute keinerlei Schwierigkeiten mehr mit Medizin, Psychologie, Recht und gesellschaftlicher Diskriminierung hätten. Es ist wichtig zu zeigen, welche Diagnosen damals über Lili gestellt wurden und auch die massiv verletzenden „Behandlungen“, die sie im Film erhielt. Aber sie wirken eben als „Schockmomente“, die Entsetzen und Wut auslösen sollen. Auch wenn es derartige Behandlungen, zumindest in Deutschland nicht mehr gibt, ist es leider nicht verwunderlich, dass weiterhin Personen mit den Einstellungen existieren uns von Transgeschlechtlichkeit „heilen“ zu wollen. Mitunter mit ähnlich beängstigenden Methoden.

Ist dir aufgefallen, dass Gerda mehr im Mittelpunkt steht als Lili und kannst du dir vorstellen, warum?

Ja und ich hatte insofern auch gravierende Probleme mit dem Film. Der Film bleibt in seiner Handlung und im Ablauf sehr flach und fokussiert den Umgang von Lilis Frau Gerda mit ihrem Frausein. Diese Erzählweise zeigt sich beispielsweise auch in der Serie „Transparent“ und stellt den emotionalen Umgang der Familie mit dem coming out dar. Das ist keine Repräsentation einer trasngeschlechtlichen Frau, sondern stellt Angehörige in den Mittelpunkt und versucht ihr umgehen müssen fast als tragischer darzustellen, als die Kämpfe uns Auseinandersetzungen, die wir mit Medizin, Psychologie, Recht und der Gesellschaft führen müssen, weil wir dazu gezwungen werden. Meiner Einschätzung nach soll hiermit eine Verbindung zu cis Personen hergestellt werden. Ihre Gefühle und Sorgen werden fokussiert, um sie „abzuholen“, ihnen zu vermitteln, dass es auch in ihrem Familien, im Bekanntenkreis, unter Kolleg*innen trans Personen gibt. Allerdings lenkt dies von unseren Kämpfen ab und ist insofern hochproblematisch. Es bringt uns in die Postion weiterer Abhängigkeit auf die Unterstützung von cis Personen. Es wirkt immer sehr wie ein „schau, es könnte dich auch treffen“ und darüber soll Respekt und Anerkennung hergestellt werden. Es müssen aber keinerlei Verwandtschaftsverhältnisse oder Freund*innenschaften bestehen, um unsere Existenz zu akzeptieren.

Welche Gedanken sind dir noch eingefallen, die du loswerden möchtest?

Besetzt trans Frauen für Filme über trans Frauen. Wir sind in der Lage unsere Geschichten selbst zu erzählen, ohne, dass cis Personen durch Preise, Lob und Anerkennung dadurch profitieren.

Vielen lieben Dank für das Interview, Felicia!


«Felicia Ewert ist 34 Jahre alt und lebt in Marburg. Sie studiert Politikwissenschaft im Master, Schwerpunkt Geschlechterforschung. Sie ist eine Frau, transgeschlechtlich und ziemlich lesbisch. Während ihres Bachelorstudiums entwickelte sie das Interesse an einer grundlegende Auseinandersetzung mit Fragen zu der Konstruktion von Geschlecht und wie es als Ordnungskategorie und hierarchisches Machtinstrument in Erscheinung tritt. Neben ihrem Studium hält Felicia Vorträge zu Cissexismus, Transfeindlichkeit und Transmisogynie.» (Text von Edition Assemblage)


// Felicia Ewert auf Instagram
// Ihr Buch Trans. Frau. Sein. Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung  ist bei Edition Assemblage erschienen!

Foto von Felicia: Anne Koch