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NDO Newsletter 04. September 2020: Yasemin Altınay, Gründerin des Magazins Literarische Diverse

Yasemin Altınay ist 30, angehende Literaturwissenschaftlerin und Verlegerin des Magazins Literarische Diverse, das Raum und Sichtbarkeit für strukturell benachteiligte Gruppen wie BIPoC (Black, Indigenous, and People of Colour) oder LGBTIQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex and Queer) bietet.
Ihre größte Liebe: die Literatur.

Liebe Yasemin, wie kam es dazu, dass du das Magazin gestartet hast und wie war der Weg für dich bis zur Veröffentlichung der ersten Ausgabe?
Seit meiner Ausbildung als Verlagskauffrau wollte ich einen Verlag gründen und habe immer nach einer passenden Form gesucht, wie ich Literatur publizieren möchte. Wichtig war mir dabei von Beginn, dass es ein Printprodukt wird. Es war dann letztes Jahr im Sommer, als ich einen Namen gefunden habe. In einem literarischen Magazin können außerdem mehrere Menschen zu Wort kommen, deswegen fiel die Entscheidung auf dieses Medium. Der Weg bis zur ersten Ausgabe war aufregend, weil ich alles zum ersten Mal gemacht habe und immer hoffte, dass alles klappt. Bei der zweiten Ausgabe lief es schon etwas geschmeidiger, obwohl die Auswahl der Texte bei der hohen Einsendezahl schwieriger war. Ich bin sehr gespannt auf die Arbeit an der dritten Ausgabe.

Was hast du durch das Verlegen des Magazins gelernt und welchen Herausforderungen musstest du dich stellen?
Dieses Jahr habe ich viel dazugelernt. Vor allem, dass ich eigentlich gut mit Kritik umgehen kann, so lange sie eben konstruktiv ist. Ich halte absolut nichts von Cancel Culture, da wir alle Wesen sind, die sich täglich formen. Mittlerweile habe ich damit einen guten Umgang gefunden, denn wir sollten uns alle gegenseitig erlauben, an der Sache zu wachsen und voneinander zu lernen. Es wird oft vergessen, dass wir für die gleiche Sache kämpfen. Es war krass zu fühlen, wie belanglos vieles wird, wenn so etwas wie in Hanau passiert. Eine große Herausforderung ist dann natürlich auch Social Media und die wachsenden Erwartungen, aber auch Nachrichten, die man vielleicht nicht erhalten möchte. Mittlerweile schaue ich auch, welche Informationen ich über mein Leben preisgebe und welche nicht.

Was bedeutet Literatur für dich persönlich?
Literatur trägt mich durch das Leben. Sie fängt mich auf, umarmt mich, regt mich zum Nachdenken an, lässt mich die Gedanken anderer besser verstehen, macht mich wütend. Es ist ein bisschen so, als hätte ich meinen Platz gefunden: Es ist schon etwas Besonderes, an einem Herzensprojekt arbeiten zu dürfen und Anklang zu finden, außerhalb der großen Verlage, die sonst existieren.

Welche Autor*innen schreiben für Literarische Diverse und wer ist deine Zielgruppe?
Vorrangig schreiben BIPoC und LGBTIQ+, da ich ihnen den Raum geben möchte. Die Zielgruppe ist natürlich breiter gefächert. Ganz besonders finde ich es natürlich auch, wenn man Menschen außerhalb der gewohnten Kreise erreicht. Dass das Magazin jetzt auch im Schulunterricht benutzt wird, hat meine Erwartungen übertroffen! Deswegen habe ich nun auch die zweite Auflage der zweiten Ausgabe in Druck gegeben. Wer in Deutschland schreiben darf, ist ganz klar, aber wer dann letztendlich in Verlagen unterkommt und wem zugehört wird, ist die andere Sache. Das gilt natürlich auch für Literaturbetriebe, die meist cis-heterosexuell, weiß männlich dominiert sind.

Welche Rolle spielt Instagram als Kanal für dich und das Magazin?
Instagram war von Anfang an ein wichtiger Bezugspunkt für das Magazin: Ich habe dort erstmals meine Gedanken zu einem Magazin veröffentlicht. So habe ich natürlich direkt viele Menschen erreichen können, die Lust auf so ein Produkt hatten und mich unterstützt haben. Über Bookstagram hatte ich bereits Leute gefunden, die ähnliche Interessen und Vorstellungen haben. Die Community ist also eine wichtige Austauschquelle und auch mein Informationsportal, wenn man es so nennen mag. Mir ist die Meinung der Leser*innen sehr wichtig und diese erreiche ich nur auf Instagram. Sonst kommuniziere ich nur über die Homepage und (weniger) über Facebook.

Glaubst du gleichzeitig an einen Trend zurück Richtung Printprodukte? Oder sind es eher die Themen, die trenden und sich dadurch mit einem „alten“ Medium verbinden lassen?
Ich glaube, Printprodukte waren nie weg, deswegen können sie auch kein Trend sein. Mein ganzes Leben lang habe ich mir Magazine und Bücher gekauft. Das hat sich auch mit der Onlinewelt nicht verändert – im Gegenteil! Je mehr man sich im Internet aufhält, desto mehr möchte man sich eben auch zurückziehen und Ruhe finden. Ein Online-Magazin wäre deswegen gar nicht in Frage gekommen. Ich glaube auch nicht, dass die Themen gerade ‚trenden‘, sondern dass Menschen sich schon immer aufgrund des politischen Klimas und der Diskriminierungen etc. selbstermächtigen wollen. Das Magazin ist meine Selbstermächtigung und Auflehnung gegen die Strukturen, die es zu verändern gilt. Andere Organisationen, Menschen und ganz besonders bestimmte Autor*innen spielen da natürlich erheblich eine Rolle in Sachen Motivation und Inspiration.

Was wünschst du dir mit Blick auf die deutsche Literaturszene?
Ich wünsche mir, dass der Wandel unaufhaltbar ist, denn das ist er meines Erachtens. Die vielen Menschen in Deutschland, die sich einsetzen und Institutionen bunter machen, sind meine Hoffnung. Menschen, die sich tagtäglich solidarisieren und für eine offene, tolerante Gesellschaft kämpfen, sind außerdem meine Vorbilder. Ich wünsche mir, dass sich immer mehr Menschen einsetzen (vor allem auch die weiße Mehrheitsgesellschaft), Literatur fernab der Mehrheitsgesellschaft fördern, die Verlage unterstützen, zu Lesungen gehen und so weiter. Die Liste ist lang!

Hast du einen Lieblingstext aus einem der beiden Magazine, wenn ja welcher ist das?
Es ist schwierig, einen bestimmten Text auszuwählen, da mich alle nachhaltig beeinflusst und berührt haben. Mir liegen alle Texte am Herzen: die vielen Texte über die Mutter-/Vatersprache, Thematisierung von Hanau, Klassismus, Rassismus, das Interview mit Aminata Touré, das Interview zu kritischer Männlichkeit oder auch die Texte von Ozan Zakariya Keskinkılıç wie z.B. ‚uns in ihren worten berauschen‘. Das hört sich banal an, aber ich mag einfach alle Texte sehr, sehr gerne. Sonst wären sie nicht im Magazin!

Hast du Literaturempfehlungen für den Spätsommer/Herbst für uns?
Mely Kiyak mit Frausein und Olivia Wenzel mit 1000 Serpentinen Angst. All about Love von Bell Hooks hat mich außerdem sehr aufgefangen.

DANKE für das Gespräch, liebe Yasemin!

Die zweite Ausgabe ist aktuell erhältlich. In ausgewählten Buchhandlungen und online über Literarische Diverse. Der Open Call zu Ausgabe #3 hat gerade gestartet! Einsendungen zum Thema ‚Widerstand‘ bitte bis zum 1. Oktober 2020 im Word-Format an opencall@literarischediverse.de 🙂