Happy Release Day, Ọlaide! Ein Interview mit der Autorin von »DUNKELKALT«

Manchmal kommen Träume zusammen, der Zeitpunkt stimmt, und die Leidenschaft auch. So fühlte es sich mit Olaide im August 2020 an, als sie mir von ihren Plänen erzählte. Ich wollte schon immer Bücher herausbringen, wollte selbstständig Teil der deutschen Literaturlandschaft sein, hatte Lust, marginalisierte Stimmen zu fördern — dies mit einem sensiblen Lektorat, welches Autor*innen frei lässt in der Wahl der Themen, über die sie schreiben möchten. Als unabhängiger Verlag freue ich mich, Entscheidungen selbst entscheiden und auf Augenhöhe mit den Autor*innen arbeiten zu können. Ich bedanke mich hiermit nochmal für die schöne, wertschätzende Zusammenarbeit!

Wir haben eure Fragen gesammelt und zusammengestellt und freuen uns, euch diese heute endlich zu teilen. Danke für eure lieben Worte zum Release Day des Lyrikbands. <3



Liebe Ọlaide,
wie lange hast du an dem Buch geschrieben?

Den Beschluss, einen Lyrikband zu schreiben, gab es für mich schon seit mehreren Jahren. Ich habe innerlich nur einen Startpunkt gebraucht. Und den habe ich mir im Ende Februar 2020 gesetzt. Ein erstes Manuskript war dann im Oktober 2020 fertig.

Was bedeutet der Titel und warum hast du ihn gewählt?

Ich glaube, der Titel erklärt sich beim Lesen des Buches ein wenig von selbst. Jedoch wird jede Person sicherlich selbst einiges hineininterpretieren können. Für mich persönlich ist Dunkelkalt wie ein Gefühl, vielleicht sogar ein Zustand einer Traurigkeit und einer Tiefe an Gefühlen, in denen ich mich besonders in den letzten Jahren immer wiedergefunden habe. Das Wort wird auch im Zusammenhang mit der Farbe von Ozeanen benutzt. Die Verbindung finde ich sehr berührend. Diese ‚Nahtstelle‘ des Wortes zu Gewässern ist auch immer wieder im Lyrikband zu finden.

Wie viele Gedichte/Texte sind im Lyrikband enthalten?

Es sind vier Kapitel (Dunkelkalt, Identitäten, So zu lieben & Zuversicht, trotzdem) mit je 10 Gedichten. Zusammen mit dem Prolog, dem Epilog etc. ergeben sich 43 Texte komplett unterschiedlicher Länge.

Kam zuerst die Absicht ein Buch zu schreiben oder entstanden die Gedichte zuerst?

Die meisten Gedichte entstanden bewusst für das Buch. Einige habe ich aber aus den Tiefen meiner Notizbücher gefischt. Wie zum Beispiel das Gedicht Grundrauschen im Vorwort.

Was war deine Motivation für das Buch?

Einerseits eben genau dieses Gefühl des Dunkelkalts, das Gefühl, dass sich nichts ändert und doch irgendwie alles im Wandel ist, und der Wunsch dem Ganzen einen Namen und Worte zu geben. Andererseits das Gefühl des gehört/gelesen werden Wollens. Ich dachte als Kind und Jugendliche zu lange, ich hätte nichts zu sagen oder mitzuteilen (was glaube ich für viele Menschen, die in irgendeiner Form nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft aufwachsen, leider normal war/ist). Mittlerweile weiß ich, wie viel da doch zu sagen ist und wie vieles endlich gesagt werden muss. Außerdem ist das Buch für mich in gewisser Weise eine Momentaufnahme der Entstehungszeit und ein Gegenwartsbewältigungsversuch zugleich.

Was inspiriert dich?

Aktiv beim Schreiben bekomme ich Inspiration durch alles Mögliche. Ich sammle zum Beispiel gerne Worte, die zu mir sprechen und mich inspirieren (in Musik, Gesprächen, beim Vorbeigehen). In meinen Notizen gibt es ellenlange Listen mit einzelnen unzusammenhängenden Worten, die mir Assoziationen schenken und mich dann zum Schreiben bringen.

Warum benutzt du die literarische Form der Lyrik? Würde eine andere Form auch in Frage kommen?

Ich finde Lyrik/Poesie zu schreiben hat etwas unheimlich Heilendes und gleichzeitig ist es ein kurzweiliger(er) Prozess, der mir die Möglichkeit gibt, mich mit vielen Thematiken zu befassen und wirklich bewusst abschließen zu können. Ich habe auch schon längere Geschichten geschrieben und definitiv Lust, dies eines Tages wieder weiter zu verfolgen. Jedoch fühlt sich (freie) Lyrik für mich und meine Ideen momentan am zugänglichsten und umsetzbarsten an.

In deinem Vorwort schreibst du, dass du dich beim Schreiben nicht nur auf (politische) Texte beschränken lassen möchtest, weil dies oft von BIPoC erwartet wird. Wie hast du dich von dieser Erwartungshaltung freigemacht?

Ich glaube, ich habe mir bewusst gemacht, dass ich nie jede einzelne Person mit meinen Texten glücklich machen werde. Es wird immer noch mehr Erwartungen geben. Ich denke, für Personen, die durch ihr vermeintliches „Anderssein“ sowieso schon politisch gemacht werden, ist es wichtig, sich auch freizustellen, über Themen zu schreiben, die vielleicht nicht erwartet werden, aber ebenso wichtig für die Verfasser*innen sind.

Was entgegnest du Rezensent*innen, die dem Lyrikband zu viel Pessimismus zuschreiben?

Ich denke, das ist sehr subjektiv. Ich habe den Band eigentlich nie als pessimistisch empfunden. Eher als realistisch, er beschreibt keine Negativ-Vorstellung der Welt, sondern die gelebte Realität. Zudem war es mir wichtig, trotz der Welt, wie sie ist und wie ich sie darstelle, immer wieder die kleinen Glücksmomente in meinen Worten festzuhalten, da es manchmal genau die Momente sind, die Mensch braucht, um weiterzumachen. Wahrscheinlich kommt es drauf an, was für einen Anspruch man an Lyrik stellt.

Hast du ein Lieblingsgedicht in deinem Lyrikband?

Das ändert sich gefühlt jeden Tag und auf eines könnte ich mich gerade nicht festlegen. Aber hier sind meine tagesaktuellen Top 5: Tausend Formen, Existenz, Ängste, Vielleicht waren es Riesen, Papier.

Welche Autor*innen liest du gerne? Welche geben dir Heilung?

Besonders was Lyrik angeht, lese ich seit ich mich bewusst mit dem Thema befasse super gerne BIPoC Autor*innen in Deutsch und Englisch (meistens eher in Englisch). Aktuell zum Beispiel Yrsa Daley-Ward, Koleka Putuma, Audre Lorde, Upile Chisala, Stefanie-Lahya Aukongo, May Ayim, Elona Beqiraj, Mascha Kaléko und viele mehr (und bin immer auf der Suche). Zudem lese ich super gerne Literaturzeitschriften, in welchen viele verschiedene Autor*innen zu Wort kommen. Außerdem lese ich viel in sozialen Netzwerken mit, wo es mehr schöne Lyrik von unbekannten Stimmen zu finden gibt, als man vielleicht erwartet.

Und zu guter Letzt: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Momentan erst mal weiter schreiben, teilen, heilen und sehen, was passiert.


Vielen Dank, liebe Ọlaide, für die Antworten. Und danke an alle Leser*innen für die Fragen. Falls ihr ihn jetzt unbedingt lesen möchtet: hier geht’s zum Lyrikband. <3