PROSANOVA 2020: Für mehr Chancengleichheit in der Literaturvermittlung

Ein Gastbeitrag von Elske Beckmann und Simoné Lechner


Prosanova
ist ein Festival für junge deutschsprachige Literatur, initiiert und ausgerichtet von den Herausgeber*innen der Hildesheimer Literaturzeitschrift BELLA triste. In diesem Blogbeitrag schreiben Elske Beckmann und Simoné Goldschmidt-Lechner darüber, was Chancengleichheit und Diversität im Rahmen dieses Festivals bedeuten.

PROSANOVA findet in wenigen Wochen zum sechsten Mal statt. Die Entwicklungen der Herangehensweise von Konzeption und Zusammensetzung haben sich seit der Gründung 2005 immer weiterentwickelt, Schwerpunkte wurden anders gesetzt, neue Beobachtungen in den Fokus gerückt. Somit gab es eine Grundlage, auf der wir aufbauen konnten, auf der wir aber auch aufbauen mussten, denn was in den letzten Jahren meist fehlte war der Blick auf Intersektionalität, der im Literaturbetrieb, in dem Debatten zu Gender Pay-Gap, Chancengleichheit und Zugänglichkeit noch immer geführt werden müssen, nach wie vor meist aus dem Sichtfeld gerät, beziehungsweise nie dort ankam.

Zeitschriften wie die Literarische Diverse leisten hier einen wichtigen Beitrag, den wir von PROSANOVA sehr unterstützen, denn durch Projekte wie dieses öffnet sich das Feld der Literatur einem breiteren Publikum, bereitet den Weg für eine Selbstverständlichkeit, die es eigentlich schon längst geben sollte, nämlich: Alle sollten daran teilhaben dürfen, als lesende Personen, aber auch als Schreibende.

Diesem Grundsatz folgend begannen wir dann auch mit unserer Planung für PROSANOVA 2020.

Während unserer Recherche und dem enormen Leseprozess von Debütromanen 2019/20 stießen wir an Grenzen, die uns Verlagsprogramme vorgaben: Zwar wurden uns zahlreiche wunderbare Autorinnen empfohlen, doch der Großteil davon war weiß und mit europäischem Hintergrund, wenngleich es natürlich auch hier eine Spaltung zwischen West und Ost gab. Die Suche nach Schwarzen Autor*innen im deutschsprachigen Verlagsprogramm war vergleichsweise mager.

Dabei wollen wir bei PROSANOVA 2020 nicht jeden Diskurs neu aufrollen müssen und gezielt thematisieren, sondern haben so viel wie möglich von vornherein in unsere Strukturen implementiert. Ausschreibungen von Arbeits-, Praktikumsplätzen und Residenzen waren darauf ausgelegt, insbesondere Autor*innen of Color, Schwarze Autor*innen und/oder Autor*innen, die sich als trans* und/oder nicht-binär identifizieren, zu einer Bewerbung zu motivieren. Wir als Künstlerische Leitung haben einen Anti-Rassismus Workshop gemacht und unsere ausgewählten Autor*innen haben alle ein ausgearbeitetes Dokument zu Diskriminierungsformen erhalten mit der Bitte, strukturelle Diskrimierungspatterns nicht zu reproduzieren.

In der analogen Version hätten wir mit Safer Spaces gearbeitet, nun im digitalen Raum wollen wir die Gefahr von diskriminierenden Kommentaren und Angriffen verringern, indem es nur wenige öffentliche Räume geben wird und die Live-Formate ebenfalls sehr begrenzt sind.

Unser Anspruch war es, in unserem Festival BIPoC-Personen, LGBTQI+-Personen, FLINT-Personen und Personen aus nicht klassisch bildungsbürgerlichem Umfeld als Publikum von vornherein mitzudenken. Natürlich haben wir aber Schwerpunkte setzen müssen, und bei aller Bemühung sind auch uns Fehler passiert, in der Konzeption, bei Anfragen, beim Planen von Formaten. Nicht alles haben wir mitbedacht, und manche Aspekte nur unzureichend ausgearbeitet. Die Struktur unseres Teams war noch zu wenig divers; deutlich ist auch hier geworden, dass es Hierarchien zwischen BIPoC-Personen gibt, die sich schon allein darin zeigen, dass BIPoC aus bestimmten Communities gar nicht Zugang dazu haben, sich in einem Festival wie dem PROSANOVA engagieren zu können. Diese strukturellen Probleme nehmen wir wahr und wollen mit unserem Festival für junge Literatur einen Beitrag dazu leisten, Chancenungleichheiten zumindest stückweise abzubauen. Natürlich leben wir hier von dem Feedback unseres Publikums, euren Ideen und Kommentaren, und freuen uns darauf, wenn ihr uns Anregung aber auch konstruktive Kritik zukommen lasst, wenn ihr das Festival besucht – die Künstlerische Leitung (Carla, Judith, Mirjam, Elske, Selma, Simoné) wird zwar zum Großteil nach dem PROSANOVA auch aufhören, für die BELLA zu arbeiten, aber wir lernen auch privat jeden Tag dazu.

PROSANOVA wird ein rauschendes Cyberfest, das natürlich davon lebt, dass möglichst viele Personen daran teilnehmen. Wir wollen alle, die diesen Beitrag lesen, herzlich dazu einladen. Ein Ticket könnt ihr ab ca. 10€ erwerben, wenn ihr euch das nicht leisten könnt dann schreibt uns und wir finden einen Weg.

Wir hoffen darauf, dass wir PROSANOVA wieder einen Schritt weiterentwickelt und eine Grundlage für 2023 geschaffen haben.

Was wir bei diesem Prozess jedenfalls häufig gedacht haben: Wenn wir als kleines Team von sechs Frauen*, die nebenbei studieren und Geld verdienen müssen, es schaffen, uns damit auseinanderzusetzen und in verschiedenen Formen umzusetzen, kann es bei großen Veranstaltungen zumindest nicht an dem Umfang eines diversitätsorientierten, antirassistischen, antidiskriminierenden Konzeptes scheitern – sondern lediglich an Wille und Mühe.


Elske Beckmann (@elskelisabeth) wuchs in Kleve am Niederrhein auf und studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, wo sie 2018/19 Mitherausgeberin der Erstsemesteranthologie des Jahrgangs war. Veröffentlichungen in Anthologien und Magazinen. Bei PROSANOVA 2020 ist sie verantwortlich für den digitalen Raum und Social Media.

Simoné Goldschmidt-Lechner (@desde.s.mona) positioniert sich als queere Woman of Color, studiert Literarisches Schreiben in Hildesheim und arbeitet in der Forschung und der Lehre. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, unter anderem in der Literarische Diverse. Sie produziert außerdem Podcasts über intersektionale Themen und schreibt Rezensionen. Bei PROSANOVA 2020 verantwortlich für Presse und Öffentlichkeitsarbeit sowie Marketing.


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Foto: Salma Jaber