SHE SAID: Autorinnenbuchhandlung in Kreuzberg

Emilia von Senger wird im Herbst eine Autorinnenbuchhandlung eröffnen! Sie ist Buchhändlerin, auf Bookstagram unterwegs, wo sie sich gerne über das Buch austauscht. Ich habe mit ihr über She said gesprochen, ihr großes Herzensprojekt, das nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt – auch darüber, wie sie mit marginalisierten Stimmen in ihrer Buchhandlung umgehen möchte.

  • Wer bist du? (: Kannst du dich kurz vorstellen?

Ich bin Emilia, ich lese wahnsinnig gerne und viel und ich bin gerade in einer super spannenden Phase. Im Herbst eröffnet meine eigene Buchhandlung.

  • Was ist She Said und wie bist du auf die Idee/Namen gekommen?


She said wird eine Buchhandlung für Autorinnen und queere Autor_innen. Als ich mich dazu entschieden habe, eine Buchhandlung zu eröffnen, wurde mir relativ schnell klar, dass es eine spezielle Buchhandlung werden soll. Eine, in der ich all die Bücher zeigen und verkaufen kann, die ich erstens sehr gerne lese und zweitens für sehr wichtig halte. Es gibt natürlich auch wichtige Bücher von cis-Männern, aber die gibt es ja genug in anderen Buchhandlungen.

Die Namensidee entstammt einem, na klar, Buch. Im Sommer 2018 hat Hanser Berlin die Anthologie Sagte Sie – 17 Geschichten über Sex und Macht veröffentlicht, darin schreiben 17 deutsche Schriftstellerinnen nach #metoo. Im Vorwort spricht die Herausgeberin Lina Muzur über die englische Redewendung he said – she said, die dann benutzt wird, wenn zwei Parteien diametral unterschiedliche Sichtweisen auf eine Situation haben. Nehme man die Redewendung wörtlich, habe ER eine andere Sicht als SIE. Muzur schreibt weiter, und das habe ich mir damals unterstrichen: „Und weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden: Sagte Sie“. Als ich über einen Namen nachgedacht habe, ist mir das wieder eingefallen. Ich dachte, she said erklärt perfekt, worum es mir in meiner Buchhandlung geht. Englisch ist es deswegen geworden, weil ich auch viele englische Bücher führen werde.

  • War es schwierig, den festen Job aufzugeben? Du hast ja in der Buchhandlung ,Lesen & Lesen lassen‘ als Buchhändlerin gearbeitet.

Ehrlich gesagt: Nein. Ich habe sehr gerne in der kleinen Kiezbuchhandlung in Friedrichshain gearbeitet. Aber ich hatte schon länger das Gefühl, dass es Zeit für etwas Neues ist. Ich mag den Alltag einer Buchhändlerin, aber ich möchte noch mehr gestalten können. Deswegen ist selbst gründen für mich genau das Richtige. She said gibt mir die Möglichkeit einen physischen Raum für meine Ideen und Überzeugungen zu schaffen. Das ging in meinem alten Job nur bedingt.

  • Träumst du also schon länger von einer eigenen Buchhandlung?


Seitdem ich lesen kann ;-)! Ich hatte als Kind den Wunsch, irgendwann mal eine eigene Buchhandlung aufzumachen, mit einer gemütlich auf Büchern liegenden Katze. Mittlerweile bin ich gegen Katzen allergisch, der Teil wird also nichts. Als ich älter wurde, habe ich diesen frühen Wunsch vergessen. Ich musste sehr gewundene Wege gehen, um wieder bei der Buchhandlung anzukommen.

  • Wieso brauchen wir eine Autor_innenbuchhandlung?

Ich war letztes Jahr auf einer Lesung von Annie Ernaux, bei der ein Mann im Publikum seine Frage folgendermaßen begann: „Obwohl ich ein Mann bin, lese ich sie sehr gerne …“ Sie hat daraufhin geantwortet: „Glaubst du eine Frau würde das bei einer Lesung von einem Mann sagen?“ Frauen werden immer noch als das Spezielle, Männer als die Norm gesehen.

(Cis-)Männer werden außerdem immer noch wesentlich öfter verlegt, gerade in den Verlagen, in denen das literarische Prestige hoch ist. Außerdem werden, das hat die Uni Rostock in der Studie #Frauenzählen bestätigt, Bücher von Männern öfter und länger über fast alle Medienformen hinweg besprochen. Es gibt also eine strukturelle Ungerechtigkeit, denn es ist klar, dass Frauen nicht schlechter schreiben. Um dieses Ungleichgewicht aufzufangen, können wir mehr Frauen* lesen, mehr Frauen* besprechen und mehr Frauen* verkaufen. Ich werde jetzt alles drei tun!

  • Vor allem auf Instagram werden Frauen* immer mehr gelesen, finde ich. Ist das nur eine Bubble, oder wird sich das Leseverhalten generell verändern, was denkst du?


Den Eindruck habe ich auch, das ist toll! Daran sieht man auch, dass Social Media ein Motor für Wandel sein können. Sie können etwas anstoßen, auf das die Feuilletons großer Tageszeitungen reagieren müssen. Erst vor kurzem gab es ja auf Twitter die Aktion #Vorschauenzählen, bei der unter der Leitung von Berit Glanz und Nicole Seiffert die Frühjahrsprogramme literarischer Verlage auf ihr Geschlechterverhältnis hin untersucht wurden. Darüber wurde dann intensiv in den klassischen Medien (Spiegel, Deutschlandfunk Kultur etc.) berichtet. Social Media können Themen setzen. Ich denke, dass sich das Leseverhalten generell ändern wird, aber vermutlich langsamer als auf Instagram.

  • Glückwunsch! Du hast einen Raum für die Buchhandlung gefunden. Denkst du, Berlin als Standort macht es dir leichter, so etwas durchzuziehen? Was bedeutet Berlin für dich?

Berlin ist zuallererst: Zuhause! Ich bin hier in den 90ern aufgewachsen und liebe diese Stadt sehr: das Kopfsteinpflaster, die chaotische Architektur, die Seen, den Geruch im Hochsommer…

Das Tolle an Berlin ist die Vielfalt und das riesige kulturelle Angebot. Beides macht es mir und She saidbestimmt leichter. Hier leben viele Menschen, die ich nicht mehr überzeugen muss, dass wir unseren Horizont erweitern müssen und nicht immer weiter alte, weiße Männer lesen können. Ich nehme auch eine große Offenheit neuen Ideen, Konzepten und Orten gegenüber und einen Willen sich einzubringen, mitzugestalten.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, zu denken, dass Berlin der einzige Ort ist, an dem woke, also politisch wache Menschen, leben. Die gibt es überall, auch in kleinen Städten und Dörfern, und ich würde mich sehr freuen, wenn sie mich mal bei She said besuchen kommen würden.

  • Was erwartet uns in der She said Buchhandlung, außer tollen Büchern?

Veranstaltungen! Ganz viele! She said soll ein Ort sein, an dem man zusammenkommt, um über die Gegenwart nachzudenken. Dabei ist es mir ganz wichtig, dass es viele Kleingruppenveranstaltungen gibt: Lesekreise (zu Romanen, queerfeministischer Theorie, Jugendliteratur etc.), Diskussionsgruppen, Workshops. Ich möchte, dass Leute nicht nur Autor_innen bei den sogenannten Wasserglaslesungen zuhören, sondern, dass sie miteinander ins Gespräch kommen. Ein paar klassische Lesungen wird es trotzdem geben, Premieren zum Beispiel. Und die ein- oder andere Lieblingsautorin möchte ich natürlich auch einladen.

  • Welche Wünsche und Hoffnungen hast du gerade?

Gerade wünsche ich mir so vieles. Vor allem, dass wir Corona solidarisch überstehen, dass die Kultur sich wieder erholt und dass wir uns in dieser Krise trotzdem dafür einsetzen, dass Menschen, in deren Ländern es nicht mehr sicher ist, zu uns kommen können.

  • Wie möchtest du mit Diversität umgehen, wie zum Beispiel marginalisierter BIPoC und LGBTIQ+ Stimmen, auch innerhalb feministischer Diskurse?

Ich glaube, dass man eine Autorinnenbuchhandlung nur intersektional denken kann. Diskriminierung und Marginalisierung finden auf verschiedenen und überlagerten Wegen statt und eine Befreiung von ihnen kann nur gemeinsam erfolgen. Also: Diversität in all ihren Formen ist mir ein großes Anliegen für She said. Wie kann ich aber möglichst diverse Bücher ausstellen und verkaufen, wenn ich diese Diversität nicht selber lebe? Deswegen fordere ich immer wieder meine Lesegewohnheiten heraus, frage mich, welche Stimmen ich übersehe. Wie viele BIPoC Schriftsteller_innen habe ich gelesen? Aus welchen Ländern habe ich noch nie einen Roman gelesen? Kenne ich Romane von Schriftsteller_innen, die physisch eingeschränkt sind oder sich als nicht-binär identifizieren? Ich glaube, es ist unsere Verantwortung, unseren Horizont zu erweitern.

Danke dir, Emilia, für deine Zeit und das schöne Interview! <3

// Shesaid auf Instagram
// Emilias Bookstagram

Foto: Marlen Müller
Titelbild: Ann Kristin Schenten